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"Die Arbeitswelt kann vom Sport noch viel lernen!" Interview mit Sükran Gencay

Sükran Gencay ist Wirtschaftsingenieurin und arbeitet als Business Process Manager bei einem globalen Logistikunternehmen. Sie trainiert außerdem die 1. Basketball-Herrenmannschaft des Eimsbütteler Turnverband e. V. (ETV). Zur Spielsaison 2018/2019 stieg die Mannschaft mit Sükran als Trainerin in die 1. Regionalliga Nord auf und steht jetzt vor dem Aufstieg in die 2. Bundesliga.
Wir haben mit Sükran über Teamerfolg gesprochen.

Woran erkennst du, dass ein Team wirklich ein Team ist?
Das zentrale Wort in dieser Frage ist „wirklich“. Wenn wir Passanten auf der Straße fragen würden, erkennen die das zum Beispiel an den Trikots. Ein Team ist also erkennbar durch eine Einheitlichkeit im Auftreten nach außen. Wenn du mich aber fragst, was ein Team wirklich ausmacht, dann würde ich sagen, das wahre Gesicht zeigt sich in schwierigen Phasen. Ob auf dem Spielfeld oder abseits davon – im Sport ist es wie im Leben, es gibt Höhen und Tiefen. Teams, die wirklich Teams sind, schaffen es auch am Tiefpunkt zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu stützen. Daran erkenne ich das ganz eindeutig.

 

Das ist eine klare Definition, an der sich sicher auch ableiten lässt, wie erfolgreich ein Team ist. Was bedeutet denn für dich Erfolg? Woran erkennst du, dass ein Team erfolgreich ist?
Für mich bedeutet Erfolg, unter den gegebenen Rahmenbedingungen das Bestmögliche anzustreben und es zu erreichen. Leider ist das Erfolgsbild in der Gesellschaft häufig so, dass man als erfolgreich betrachtet wird, wenn man Erster wird, und als Zweiter schon nicht mehr. Diese Definition ist mir zu oberflächlich. Wir starten alle von unterschiedlichen Ausgangspunkten und Grundvoraussetzungen. Erfolg ist dabei für mich immer das, was man aus den Mitteln macht, die einem zur Verfügung stehen. Wenn ich weiß, dass wir aus dem was wir hatten, das Beste herausgeholt haben, dann ist das für mich ein Erfolg. Und ob das dann Platz eins oder Platz zehn ist, ist für mich sekundär.

 

Das heißt, Erfolg ist für dich nichts Absolutes, sondern muss immer relativ zu den Voraussetzungen bewertet werden?

Ja, das finde ich sehr wichtig. Denn wenn wir uns beispielsweise zum Ziel setzen, Erster zu werden und dafür alles geben und es dann nicht klappt, dann wäre das unter der absoluten Definition total ernüchternd. Wenn wir dagegen sagen wir holen aus der Situation das Bestmögliche raus und wissen am Ende, jeder hat sein Bestes gegeben und wir haben es versucht, dann ist das für mich ein Erfolg.

 

Wie wirkt sich deine Einstellung zum Erfolg deiner Meinung nach auf dein Team aus?

Ich hoffe, dass die Spieler das spüren. Ich glaube aber, sie wissen das auch. Ich sehe unsere größte Stärke darin, dass wir uns alle gegenseitig pushen und uns immer wieder daran erinnern, das Beste aus allem zu machen. Und dann schauen wir, was dabei herauskommt. Vor ein paar Monaten haben wir uns gemeinsam hingesetzt und ganz ausführlich darüber gesprochen, was unsere Ziele sind. Da kam jeder zu Wort und da kam alles vor – manche wollten Erster werden, einige sagten, sie wollen in die Top Fünf, manche hatten ganz andere Ziele. Und am Ende hat das Team selbst herausgearbeitet – das fand ich großartig – dass wir einfach versuchen, das Beste zu erreichen, das uns möglich ist. Dass das Team das selbst erkannt und erarbeitet hat, ist aus meiner Sicht ein wichtiger Erfolgsfaktor. So wissen wir immer, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass es jeden Tag einen Grund gibt, weiter zu trainieren und an sich zu arbeiten. Da haben wir also auch insgesamt im Team eine einheitliche Einstellung zu Erfolg.

 

Diese Einstellung scheint auch Früchte zu tragen. Schon in eurer zweiten Saison als Regionalligisten stehen die ETV-Herren nach der Hinrunde aktuell mit respektablem Abstand auf Platz 1 der Tabelle.

Ja, da sagst du was. Wir haben wirklich zwei Extremjahre hinter uns. Die Saison 2018/2019 war unsere Premieren-Saison in der Liga und man muss ganz klar sagen, dass der Unterschied im Niveau zwischen der 2. Regionalliga, wo wir vorher gespielt haben, und der 1. Regionalliga sehr groß ist. Das heißt, erst haben sich alle total über den Aufstieg gefreut und dann haben wir erst einmal nur auf die Mütze bekommen. Wir haben über Wochen und Monate ein Spiel nach dem anderen verloren. Unseren ersten Sieg konnten wir erst im sechsten Spiel holen. Wir hatten nach der Hinrunde letzte Saison drei Siege und elf Niederlagen und waren Tabellenletzter – mit relativ großem Abstand zu den anderen Teams. Daran kann man echt verzweifeln oder sogar kaputt gehen.
In so einer Situation glauben viele nicht mehr daran, dass man das Ruder noch einmal herumreißen kann. Uns hat das Ganze aber zusammengeschweißt. Wir haben gemeinsam beschlossen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, weil dabei auf jeden Fall nichts Hilfreiches herauskommen kann. Stattdessen haben wir uns alle darauf eingeschworen, solange es noch eine rechnerische Chance gibt, dafür zu kämpfen. Und so haben wir eine extrem starke Rückrunde hingelegt. Wir waren eines der besten Rückrundenteams und haben tatsächlich wenige Tage vor Ende der Saison den Klassenerhalt geschafft. Das war eine krasse Erfahrung.
Dem gegenüber ist dieses Jahr sozusagen schon fast das Gegenteil. Wir hatten drei Siege, dann haben wir einmal verloren und seitdem haben wir fünfzehnmal in Folge gewonnen! Jetzt sind wir Meister und haben das Aufstiegsrecht in die 2. Bundesliga! Das ist total verrückt. Das Interessante dabei ist, wir sind vom Teamgefüge zu 80% dasselbe Team. Die Besetzung hat sich also nicht nennenswert geändert. Wir sind immer noch dieselbe Truppe und das macht es so bemerkenswert.

 

Was, glaubst du, ist euer Erfolgsgeheimnis?

Es sind natürlich immer viele Faktoren, die den Erfolg ausmachen. Aber wenn wir jetzt mal ganz konkret auf unser Team im Vergleich zu anderen Teams in der Liga schauen, dann sind wir – aus meiner Sicht - einfach die stärkste Einheit gewesen. Wir sind das stärkste Team indem wir füreinander da sind, in dem jeder seine Rolle und seinen Beitrag kennt und weiß, wie er diesen einbringen kann. Das macht uns so stark. Und auch unsere gemeinsame Historie. Das, was wir im letzten Jahr erlebt haben, hat uns unglaublich gestärkt. Wenn jetzt ein kleiner Hügel an Herausforderung kommt, dann gehen wir damit viel gelassener um, weil wir wissen, dass wir schon gemeinsam den Mount Everest überwunden haben. So etwas bekommt man nicht durch Training, sondern durch gemeinsame prägende Erfahrungen.

 

Nun habt ihr diesen Berg ja erklommen, weil ihr es geschafft habt, aus dem Motivationsloch nach der ersten Hinrunde in der 1. Regionalliga wieder herauszuklettern. Wie ist euch das gelungen?
Ja, das war vor allem für mich auch schwierig. Ich habe in dieser Zeit sehr viel – auch mich – dauernd hinterfragt. Woran liegt es? Sind wir wirklich einfach zu schlecht? Warum können wir unsere Leistung nicht konstant abrufen? Was mache ich verkehrt? Und diese Fragen, glaube ich, muss man sich auch stellen. Der Anfang jeder Veränderung liegt ja darin, dass man sich mit der Situation wirklich auseinandersetzt. Und wenn man sich dann hinstellt und sagt „eigentlich ist ja alles super so, wie es ist – wir verlieren eben nur“, dann passiert natürlich auch nichts. Also muss man sich damit ehrlich beschäftigen. Es gab nach den ersten Niederlagen auch einiges an Frust und Spannungen in der Mannschaft. Dem haben wir Raum gegeben. Wir haben auch mal ein Training ausfallen lassen, weil die Stimmung so schlecht war und haben stattdessen darüber gesprochen, was uns genau beschäftigt und frustriert.
Für mich als Trainerin war klar, dass viel auch an meiner Ausstrahlung hängt. Wenn ich ausstrahle, dass das Ding für mich durch ist, und mir nichts mehr einfällt, wie soll das Team da mitziehen? Das kann nicht funktionieren.  Deshalb habe ich immer versucht, positiv zu bleiben und uns konsequent auch auf unsere Mini-Erfolge hinzuweisen.
Auch wenn man verliert, gibt es immer kleine Erfolge. Das erste Spiel in der letzten Saison haben wir zum Beispiel mit 30 Punkten verloren. Das zweite Spiel haben wir zuhause gegen einen guten Gegner mit nur noch drei Punkten verloren. Das ist ja ein riesiger Unterschied! Und daraus kann man lernen und sich hochziehen. Damit habe ich der Mannschaft klar machen können, dass wir durchaus konkurrenzfähig sind. Ich selbst habe auch immer fest daran geglaubt. Die meisten Niederlagen waren ziemlich knapp. Wir müssen nur aus unseren Fehlern lernen, weiter hart arbeiten und zusammenhalten. Das habe ich betont und ständig wiederholt, damit wir uns immer wieder daran erinnern.

Ein weiterer Faktor, der eine große Rolle gespielt hat, waren die Eimsbütteler Fans. Wir hatten bei unseren Heimspielen vorher im Schnitt 50 Zuschauer und jetzt in der 1. Regionalliga hatten wir plötzlich 200 bis 250 Fans, die immer da waren und uns unterstützt haben. Die Zuschauer haben gesehen, dass das Team wirklich kämpft und alles gibt. Und das ist natürlich auch ein Erfolg, dass Leute kommen um die Spiele zu sehen, weil sie an die Mannschaft glauben und sich für diese begeistern.

In der Winterpause habe ich mit dem Team gesprochen und uns die drei möglichen Szenarien klar gemacht: Wir lassen den Kopf hängen und gehen sang und klanglos unter. Das wäre das schlechteste Szenario. Oder wir kämpfen weiter mit allem, was wir haben und geben nicht auf. Dann kann es klappen oder auch nicht. Aber selbst wenn es dann nicht klappen sollte, können wir im Nachhinein in den Spiegel schauen und dennoch stolz auf uns sein.
Und so haben wir uns da herausgeholt. Wir haben uns analytisch angeschaut, wo wir besser werden müssen und daran akribisch gearbeitet. Das ist die Sachebene. Und gleichzeitig haben wir uns immer unsere kleinen Erfolge klar gemacht und darauf aufgebaut. So waren wir auch emotional positiv dabei. Es muss immer beides sein.

 

Vieles von dem, was du jetzt gesagt hast, kennen wir ja alle auch aus anderen Bereichen. Welche Parallelen siehst du denn zwischen dem Sport und der Arbeitswelt? Was ist ähnlich und wo gibt es Unterschiede?
Es gibt sehr viele Parallelen. Ich habe ganz viel vom Sport für die Arbeit gelernt und umgekehrt. Ich glaube, die größte Gemeinsamkeit ist zunächst einmal, dass man eine Gruppe von Menschen hat, wo jede Person ihren eigenen Charakter, ihren eigenen Hintergrund und eigene Erfahrungen mitbringt. Alle verfolgen in der Regel ein Ziel und müssen gemeinsam performen. Das ist absolut identisch im Sport und in der Arbeitswelt. Die Herausforderung dabei ist dann, wie holen wir aus allen das Beste heraus? Wie erkenne ich, wer worin besonders gut ist und wie führe ich das zusammen?
Im Unterschied zum Arbeitsleben hat man im Sport extremere emotionale Situationen. Wenn das Team zum Beispiel vier Stunden zu einem weit entfernten Auswärtsspiel fährt, dort ein sehr sehr schlechtes Spiel macht, sehr hoch verliert und dann vier Stunden lang gemeinsam wieder zurückfahren muss … puh, das muss man erst mal aushalten. Da kommt dann zuerst ganz viel Ärger und Frust hoch, nach dem Motto „Warum hat der das gemacht oder nicht gemacht? Warum hat jener so schlecht reagiert?“. In einem guten Team, nach einer gewissen Zeit, schafft man es dann aber auch relativ schnell wieder gemeinsam zu lachen. Ich halte es für wichtig, dass diese Emotionen auch raus dürfen, damit man sich dann wieder entspannen kann. Dem wird nach meiner Erfahrung im Sport mehr Raum gegeben als im Arbeitsleben.
Das darf natürlich nicht ausarten, dass dann jeder täglich seinen persönlichen Ausbruch hat, aber manchmal muss es einfach raus. Und dann kann man danach auch wieder bei Null starten. Und das gibt es meines Erachtens in der Arbeitswelt noch viel zu wenig, weil man dann sehr schnell an Grenzen stößt, wo es nicht mehr akzeptiert wird oder akzeptiert werden kann. Der Raum ist da also deutlich enger gesteckt.
Und außerdem kennt man sich meist auch weniger gut. Im Sport, wenn man jahrelang zusammenspielt, dann weiß man irgendwann sehr viel über einander, weil man sich gegenseitig in so vielen Situationen erlebt hat. Das macht es leichter, den anderen zu begreifen und das Verhalten einzuordnen. In der Arbeitswelt herrscht da häufig mehr Distanz und das macht es schwieriger sich gegenseitig wirklich zu verstehen. Dadurch bauen sich dann Vorurteile auf. Währenddessen man im Sport, wenn man sich gut kennt, reflektierter und auch nachsichtiger miteinander umgehen kann.
Insofern glaube ich, dass die Arbeitswelt in Bezug auf Sozialkompetenz und Fingerspitzengefühl im Zwischenmenschlichen vom Sport noch viel lernen kann.

 

Jedes Team besteht aus Individuen. Wie navigiert ihr das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft?
Wir sind als Team sehr heterogen, was die Typen und Charaktere angeht. Ich glaube, auch darin liegt unsere Stärke. Es gibt dort auch für jeden Raum – man muss nur ein bisschen steuern, wann dieser Raum zur Verfügung steht.
Im Leistungssport, wenn wir mitten im Spiel sind und die Emotionen sowieso gerade schon hoch kochen, dann können wir nicht ausdiskutieren, wer gerade welches persönliche Problem hat. Das heißt, man muss dafür den richtigen Moment finden. Und ich muss auch eine Balance finden, wann es um das Team geht und wann ich mir die einzelnen Personen anschaue. Ich sage immer, das Team steht an erster Stelle. Und gleichzeitig ist das Team auch jeder Einzelne. Konkret heißt das, jeder von uns muss manchmal Persönliches zurückstellen und sich dem Teaminteresse unterordnen. Denn auch wenn es mir mal nicht so gut geht oder ich keine Lust habe, stehen da noch fünfzehn Andere und zählen auf mich.
Gleichzeitig muss aber auch für jeden Einzelnen Raum sein. Damit kann man einfacher umgehen, je besser man sich kennt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen viel besser in allem sind, was sie tun, wenn sie sich wohlfühlen. Und wenn sich jeder wertgeschätzt und anerkannt fühlt in dem, was er beiträgt – egal ob als Leistungsträger oder Rollenspieler (Anm.: Spieler mit weniger Spielzeit) – und als Mensch mit dem, was er mitbringt, dann entsteht Teamgefühl. Mir ist es deshalb wichtig, auch regelmäßig im Training und im Spiel den Beitrag derer zu würdigen, die sonst nicht so offensichtlich gesehen werden.
In einem schlechten Team beneiden die auf der Bank die, die gerade spielen dürfen und sehen nicht das große Ganze. In einem guten Team – und so ist es bei uns wirklich – feuern die Spieler von der Bank die auf dem Feld wie verrückt an.  Es kam schon vor, dass ich nach dem Spiel gesagt habe: „Heute hat eindeutig unsere Bank gewonnen“.

 

Du trainierst als Frau eine Herrenmannschaft, das gilt als eher unüblich. Woran, glaubst du, liegt das? Inwiefern spielt das Geschlecht überhaupt eine Rolle?
In den unteren Ligen oder in Jugendmannschaften gibt es das häufiger, aber im Leistungssport ist es tatsächlich sehr selten. Dafür gibt es wahrscheinlich auch wieder vielfältige Gründe. Ich glaube, es hat zum Teil mit gesellschaftlichen Standard-Denkmustern zu tun, wo Frauen und Männern häufig pauschal bestimmte Attribute zugeschrieben werden. „Der Trainer“ ist in den Köpfen Vieler automatisch männlich, groß, laut und stark. Frauen gelten dagegen – überspitzt gesagt – als lieb und nett und im schlimmsten Fall zerbrechlich. Auch hier gibt es übrigens wieder Parallelen zur Arbeitswelt.
Vor einigen Jahren sind mir neue Spieler in den ersten Trainings zum Teil noch etwas skeptisch begegnet. Aber das hat sich jedes Mal ganz schnell aufgelöst, wenn sie merkten, dass es ja gar nicht so anders ist.
Und für Frauen stellt es sich so dar, dass sie vielleicht auch gar nicht so aktiv darüber nachdenken, dass sie ja auch Trainerin für eine Herrenmannschaft sein könnten. Vielleicht weil es zu wenige Vorbilder gibt. Man kann sich etwas schlechter vorstellen, das man noch nie gesehen hat als etwas, wo es bereits Bilder gibt.

In meinem Fall hat sich das einfach so entwickelt. Ich habe in der Jugend Mädchenmannschaften und Jungenmannschaften trainiert und habe da schon festgestellt, dass es mir ganz gut liegt, mit den Jungs zu arbeiten. Ich persönlich glaube übrigens, dass das Geschlecht keine Rolle spielt, sondern dass es einfach eine Typ-Sache ist. Es gibt Menschen, die sind Trainer-Typen und andere, die sind es definitiv nicht, unabhängig vom Geschlecht. Interessanterweise werden männliche Trainer aber nie gefragt, warum sie eine Frauenmannschaft trainieren. Da gehen dann irgendwie alle davon aus, dass der das kann.
Ich dagegen werde häufig – und auch mit genau diesem Wortlaut – gefragt, wie ich es schaffe, dass ich die Jungs „im Griff habe“. Dazu kann ich nur sagen, die Spieler sind alle erwachsen und wer in meinem Team spielen will muss sich selbst im Griff haben. Dahinter steckt natürlich im Kern die Frage, wie ich mir Akzeptanz und Respekt verschaffe. Das muss allerdings ein männlicher Trainer auch schaffen. Auch der wird nicht einfach respektiert, weil er ein Mann ist, sondern nur, wenn er auch ein guter Trainer ist.
Dasselbe gilt im Berufsleben. Nur weil jemand ein Mann ist und dein Chef ist, wirst du ihn nicht automatisch respektieren und in der Rolle akzeptieren. Manche denken immer noch, Männer hätten da einen Vorsprung. Aus eigener Erfahrung im Sport kann ich sagen, der kann sich auch schon nach einem Training aufgelöst haben. An solchen Fragen merke ich, da muss wirklich noch ganz viel passieren, um diese Vorurteile und Denkmuster zu verändern. Aber das wird es in den nächsten Jahren, da bin ich sicher.

 

Zum Abschluss als Zusammenfassung, was sind aus deiner Sicht „Must-Dos“ für Teamplayer? Was sind absolute „Don’ts“?
Wenn man sich für einen Teamsport entscheidet, dann muss sich über eines im Klaren sein: Was im Interesse des Teams ist, kann mit meinen eigenen Interessen korrelieren, aber das ist nicht immer der Fall. Deshalb muss ich grundsätzlich bereit und in der Lage sein, eigene Interessen dem Teaminteresse unterzuordnen.
Ganz konkretes Beispiel: Wenn wir eine Spielstrategie beschließen, bekommen die Spieler darin jeweils eine bestimmte Rolle oder Position. Wenn ein Spieler mit seiner Rolle nicht einverstanden ist und nur dagegen stänkert, wird das nicht funktionieren. Hier geht es darum, im Interesse des gesamten Teams zu agieren. Wenn man grundsätzlich der Meinung ist, dass man immer der Beste, der Schnellste und auch noch der Klügste ist, dann sollte man besser keinen Teamsport machen, denn dann kann man nicht im Team funktionieren.

Das Zweite ist für mich wertschätzend und respektvoll miteinander umzugehen und zwar in alle Richtungen. Damit meine ich unabhängig davon, ob jemand der sogenannte "Topscorer" ist oder eine vermeintlich eher untergeordnete Rolle hat. Wenn da ein Ungleichgewicht entsteht, bedroht das das ganze Teamgefüge. Wertschätzung und Respekt allen gegenüber ist ein absolutes Muss!

Das dritte Muss ist für mich füreinander da zu sein. Zu erkennen, wenn jemand mit sich kämpft oder Schwierigkeiten hat und sich dann gegenseitig aufzufangen. Dafür sind wir ein Team und jeder Einzelne ist wichtig.

Was man nicht tun sollte ergibt sich natürlich auch zum Teil aus dem Genannten. Das Schlimmste ist aus meiner Sicht „Blaming“, also andere für Fehler verantwortlich zu machen. In Bezug auf Verantwortung weg von sich selbst und nur auf die anderen zu schauen ist tödlich für ein Team.
Team Player fragen sich: „Was kann ich tun um die Situation zu verbessern?“
Dazu gehört auch, sich einzugestehen, wenn man mal nicht Recht hat, einen Schritt zurück zu treten und sich auch entschuldigen zu können.
Dafür ist es essentiell, Fehler bei sich selbst und anderen akzeptieren zu können. Wir alle sind nicht perfekt Niemand steht morgens auf und sagt zu sich selbst: „Ich möchte heute mal so richtig Mist bauen“, „Ich möchte das Projekt versauen“ oder „Ich mache den Korb heute extra mal nicht“. Und trotzdem passiert es natürlich. Und dann sagen zu können: „OK, ist wirklich nicht gut gelaufen, aber du gehörst zu meinem Team und wir überlegen gemeinsam, wie wir es nächstes Mal besser machen können. Ich helfe dir, wir schaffen das schon“ – das ist die große Kunst!

 

Was möchtest du uns zu Abschluss noch mitgeben?
Manche Dinge brauchen einfach Zeit. Das gilt für den Sport und für die Arbeitswelt. Ein Teamevent veranstalten und klettern gehen, macht uns nicht direkt morgen zu Hyper-Performern. Gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse über einen längeren Zeitraum sind wichtig. Es braucht Raum für Austausch und offene Kommunikation und zwar immer wieder und regelmäßig, auch wenn es manchmal mühselig ist.
Das wird in der Arbeitswelt teilweise noch zu wenig verstanden und umgesetzt. Mit ausreichend Zeit und Geduld kann ein Team gemeinsam wachsen und viel erreichen.

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